DIN A3, was ist das?

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Bildung ist für die meisten Deutschen so selbstverständlich, dass sie nicht einmal wissen, dass sie eine haben. Umso erstaunlicher ist es selbst für Lehrkräfte zu erkennen, dass man auch ganz anders leben kann. Was es für Kinder wirklich bedeutet, wenn Bildung in ihrer Familie fern ist

Von Heidemarie Brosche

Ein kleines Kunstprojekt war geplant, ein bisschen Basteln für die Erstklässler, die Eylem Emir in ihrer Ganztagsklasse in Augsburg betreute. Dafür sollten die Kinder am nächsten Tag etwas Speisestärke mitbringen. „Ich habe es ganz genau erklärt“, erinnert sie sich. „Aber trotzdem kamen lauter andere Packungen wie Dr.-Oetker-Fertigkuchen, Puderzucker und irgendwelche Pulver für Kuchen.“ Die Mütter ihrer Schüler, fast ausschließlich Migrantinnen, viele von ihnen erst seit Kurzem in Deutschland, hatten schlicht nicht verstanden, was sie kaufen sollten. Speisestärke? Kannten sie nicht.Wenn in Artikeln von bildungsfernen Familien die Rede ist, klingt das vertraut und gleichzeitig abstrakt: Vertraut, weil dieser Begriff schon so lange mit den schlechten Seiten unseres Schulsystems verknüpft ist; abstrakt, weil kaum jemand weiß, was das wirklich bedeutet: der Bildung fern zu sein. Eylem Emir hat da einen Vorsprung, denn sie ist selbst nicht als deutsche Bildungsbürgerin auf die Welt gekommen. Emir ist Türkin mit arabischer Abstammung, verheiratet mit einem Deutschtürken. Sie war schon 20 Jahre als, als sie nach Deutschland zog – ohne die Sprache dieses Landes zu kennen, seine Kultur, sein Wissen. Sie hat sich eingearbeitet und eingelebt. Heute, 22 Jahre später, hat sie als Erzieherin und Stadtteilmutter an einer Grund- und Mittelschule viele Eltern und Kinder vor sich, denen es so geht wie ihr damals: Sie verstehen erst einmal nichts. „Ich musste schließlich die Speisestärke in verschiedenen Packungen abfotografieren und ausführlich erklären, was Speisestärke ist“, erzählt sie weiter. „Natürlich kommt einem da erst einmal der Gedanke: ‚Was ist daran so schwer? Du gehst zu Aldi oder Norma, fragst, wo Speisestärke ist, und kaufst sie.‘ Aber so einfach ist das eben nicht. Die Mütter kennen solche Anweisungen nicht. Sie denken, es könne ja vielleicht sein, dass die Lehrerin es doch anders meint, denn sie sind anderes gewohnt. Wenn es in Deutschland heißt, dass man 500 g Mehl braucht, werden exakt 500 g Mehl gebracht. Wenn es im Orient heißt, dass 500 g Mehl nötig sind, bringen sie gleich ein Kilo. Kann ja sein, dass es gebraucht wird. Wer weiß, ob es reicht … Gott weiß es besser, und wir nehmen für alle Fälle Sesam mit. Den werden sie sicher brauchen.“Wir Menschen sind in unserem Denken und Handeln geprägt von dem, was wir aus eigener Erfahrung, aus eigenem Erleben kennen. Auch als Lehrkräfte gehen wir in der Regel davon aus, dass unsere Schüler und deren Eltern in etwa so viel von der Welt wissen wie wir selbst bzw. wie unsere eigenen Kinder. Na ja, ein bisschen etwas streichen wir schon ab, wenn wir mit Kindern oder Jugendlichen zu tun haben, die spürbar aus anderen Welten kommen. Aber wie anders diese Welten sind, das entzieht sich unserer Vorstellung. Denn unsere und die andere Welt berühren sich in der Regel nicht – außer in der Schule. Das gilt gerade auch für Wissen und Bildung:

In vielen Familien existiert das, was wir Allgemeinbildung nennen, schlicht nicht. Wie sollte das auch möglich sein? Jeder Kulturkreis, jedes Land, jedes Volk hat seine eigenen Vorstellungen davon, welches Wissen wichtig ist. Je weniger ein Personenkreis mit dem anderen oder dem Rest der Welt in Verbindung steht, umso weniger Überschneidungen darf man erwarten. Und viele geflüchtete Familien hatten, bevor sie nach Deutschland kamen, wenig Ausblick in die Welt jenseits ihrer Region.

Deshalb wissen Kinder aus diesen Familien vieles von der Welt nicht, was uns selbstverständlich erscheint. Die Hauptstadt eines fernen Landes zu kennen, den Namen eines fremden Philosophen, die Jahreszahl eines längst vergangenen Ereignisses – all das hatte für ihr bisheriges Lebens und das ihrer Eltern keinerlei Bedeutung. Deswegen fehlt ihnen dieses Wissen.

Die Eltern sind womöglich selbst nicht lange zur Schule gegangen. Viele geflüchtete Eltern haben nicht viel mehr als eine Grundschulbildung erhalten. Das gilt besonders für die Mütter. Sie lesen und schreiben wenig, ungern, langsam und schlecht, auch in ihrer Muttersprache.

Unsere schulischen Inhalte sind für die Eltern oft fremd und unverständlich. Niemand sollte damit rechnen, dass diese Eltern ihre Kinder in einer Situation wie den coronabendingen Schulschließungen beim Lernen unterstützen können.

Bildungsferne Migranten beherrschen oft ihre Muttersprache nicht auf hohem Niveau. Darin unterscheiden sie sich übrigens nicht von deutschstämmigen, bildungsfernen Menschen.

Entsprechend benutzen diese Familien kaum Fachbegriffe – erst recht nicht im Deutschen. Wir können daher nicht erwarten, dass ihre Kinder Begriffe wie „Studie“ oder „Diagramm“ kennen, wenn wir sie im Unterricht verwenden.

Kinder aus bildungsfernen Familien werden sprachlich meist kaum gefördert. Eltern und Kinder sprechen oft wenig miteinander. Sprachlicher Ausdruck spielt bei ihnen im Alltag schlicht keine Rolle. Daher haben die Kinder einen kleinen Wortschatz und wenig sprachliche Kompetenz, um zum Beispiel Ironie zu erkennen.

Vielen Familien fehlt also ein großer Teil dessen, was in Deutschland als Bildung gilt. Das bedeutet jedoch nicht, dass auch die Familien selbst das als Mangel empfinden. Sie kennen es nicht anders, und selbstverständlich können sie in ihrer Welt, also vor allem innerhalb der Familie, der Freunde und der Bekannten, auch mit eingeschränktem Wortschatz und ohne Fachbegriffe kommunizieren. Zumal die Menschen ja durchaus besonderes Wissen haben können, etwa über die Küche ihres Heimatlandes, das Handwerken oder den Ackerbau. Ihr Alltag funktioniert also – bis ein Kind in die Schule kommt. Und dann das nächste. Und sie dort Schwierigkeiten haben. Und die Eltern nicht helfen können.Dies kann durchaus auch bei gebildeten Eltern zum Problem werden. Eylem Emir berichtet: „Ich hatte mit einer Familie aus dem Irak zu tun. Beide Eltern hatten im Heimatland eine gute Schulbildung genossen. Dennoch sagte mir die Mutter, sie könne ihrem Kind schulisch nicht helfen. Das Kind war in der 2. Klasse! Sie wollte es nun im nächsten Schuljahr unbedingt in den Hort schicken. Dabei war sie den ganzen Tag zu Hause und hatte wirklich gut Deutsch gelernt. Auf meine Frage, warum sie dem Kind nicht selber helfe, sagte sie mir: ‚All das, was die Kinder hier lernen, kenne ich nicht, habe ich nicht gelernt. Es gibt Dinge in der 2. Klasse, die verstehe ich nicht. Und ich weiß nicht, wie die Lehrkraft dem Kind das beibringt.‘“Den Lehrerinnen und Lehrern an der Schule fällt es wiederum schwer zu verstehen, warum diese Kinder so wenig verstehen. Wie kann man nicht wissen, was eine Mitteilung oder eine Studie ist? Wie kann man Schwierigkeiten haben, auf das Wort „Schüssel“ kommen? Wieso ist ein Geodreieck eine derartige Herausforderung, warum verstehen Eltern und Kinder nicht, wozu es dient? Woher kommen die Probleme mit den Schulsachen, wieso kaufen die Eltern so oft das Falsche? Eine DIN-A3-Mappe, ein Heft mit Lineatur 2 – was soll daran schwierig sein? Das Unterrichten fällt jedoch schwer, wenn es keine gemeinsame Bildungsbasis gibt. Daher appellieren die Lehrkräfte vehement an die Eltern: Sie sagen ihnen, was ihre Kinder können müssten, was ihre Kinder üben müssten, was sie mit ihren Kindern üben müssten. Und sind irgendwann empört bis verbittert, weil das alles nichts hilft. Die Eltern wiederum sind überfordert, verzweifelt und beschämt, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen erwartet. Vor ihren Kindern stehen sie als schwach da, weil sie nicht schaffen, was andere Eltern offenbar hinbekommen und was die Lehrkräfte erwarten.Scham und Überforderung führen jedoch nicht dazu, dass Menschen sich mehr Mühe geben und besser integrieren – sondern dass sie sich zurückziehen. Deshalb ist es für Lehrkräft wichtig, sich bewusst zu machen: Das, was wir als Schule von Eltern erwarten, ist für viele Bildungsferne, noch dazu aus einem anderen Kulturkreis, unerreichbar. Sie können es schlicht und ergreifend nicht erfüllen. Zumindest nicht ohne Hilfe. Bitte kein Missverständnis: Als Schule und als Gesellschaft dürfen wir einfordern, dass zu uns geflüchtete Menschen unsere Normen und Werte respektieren, dass sie sich integrieren und sich bemühen, Wissen und Bildung zu erwerben. Aber es ist in unserem eigenen Interesse zu begreifen, wie weit der Weg dorthin für viele dieser Menschen ist.

Nur dann können wir auf Bildungsmängel weder mit Überheblichkeit noch mit Verzweiflung reagieren, sondern erkennen, dass Zeit und Erklärungen nötig sind, damit die Kinder und ihre Eltern langfristig unseren Erwartungen besser gerecht werden können. Und letztlich profitieren wir Lehrkräfte auch selbst davon, weil wir in unserer Arbeit erfolgreicher sind.

Die Pädagogin und Autorin Heidemarie Brosche hat seit 1977 an Grund- und Hauptschulen unterrichtet sowie zahlreiche Sach- und Kinder- und Jugendbücher verfasst. Für ihr Engagement für Leseförderung und Bildungsgerechtigkeit wurde sie gerade mit dem „Volkacher Taler“ der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur geehrt. www.h-brosche.de. Eylem Emir ist Erzieherin an der Schillerschule in Augsburg-Lechhausen, einem Brennpunktviertel. Zudem leitet sie als ehrenamtliche „Stadtteilmutter“ des Deutschen Kinderschutzbundes Treffen mit Eltern mit Migrationshintergrund. Emir ist Türkin mit arabischer Abstammung und 1998 im Alter von 20 Jahren nach Deutschland gezogen.  

Eine kleine Einladung zum Perspektivenwechsel

Stellen wir uns vor, wir verlassen mit unseren Kindern unser Heimatland, weil wir dort bedroht werden. Im neuen Land angekommen, sind wir mit der Tatsache konfrontiert, dass all das, war wir wissen und was uns wichtig ist, nichts zählt. Unsere gesamte Bildung, unser gesamtes Vorwissen sind auf einmal nichts mehr wert. Ganz abgesehen von der fremden Sprache, die zu lernen uns sehr schwerfällt, gehen die Menschen auch anders miteinander um, als wir es gewöhnt sind. Thematisch geht es ebenfalls um anderes: Es ist plötzlich nicht mehr das gefragt, was man bei uns Allgemeinbildung, Schulbildung, ja Bildung generell nennt. Was eine Epoche ist, was Schiller geschrieben hat, wie man sich im Theater benimmt … plötzlich nichts mehr wert. Ganz andere, lebenspraktische Dinge muss man drauf haben, wenn man bestehen will: Wie stellt man Joghurt selbst her, wie macht man Lebensmittel haltbar, wie bekommt man den Fleck aus der Schuluniform?Um den Perspektivenwechsel noch weiterzutreiben: Stellen wir uns nun vor, all dies erleben wir nicht aus der Perspektive von gebildeten Lehrkräften, die es gewohnt sind zu reflektieren und sich auf Neues einzustellen, sondern aus der von Menschen mit sehr wenig Bildung … Tja, wie fühlen wir uns nun im fremden Land?

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