Alternative Schulpädagogik – für mehr Selbstbestimmtheit

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Frontalunterricht, Noten, strenge Regeln: immer mehr Familien ziehen dem strengen Regime an deutschen Schulen selbstbestimmte Pädagogikkonzepte vor. Wir wissen, was SchülerInnen dort erwartet.

Das staatliche Pädagogikkonzept deutscher Schulen wird von Familien immer öfter in Frage gestellt. Zu leistungsorientiert, zu konservativ und zu starr erscheinen Lehrpläne und zu wenig auf den einzelnen Schüler bezogen. Zudem findet zu 90% Frontalunterricht statt. Lehrerwissen konsumieren und wiederkäuen als Lernprinzip. Bessere Schulen für ihr Kind, das wünschen sich viele Eltern. Schulen mit überschaubareren Klassengrößen, mit weniger Leistungsdruck, mehr Lehrkräften und Sinn für Solidarität und Empathie. Schulen, in denen ihre Kinder mehr gesehen und individuell gefördert werden. Immerhin verbringen sie einen Großteil ihrer Zeit dort, wo mitunter ihre Erziehung stattfindet und Talente entfaltet werden sollten.

Für viele Eltern mit anderen Vorstellungen sind (stattlich geförderte) Privatschulen oft das Mittel der Wahl. Konfessionelle Schulen, Internate oder auch alternativpädagogische Schulkonzepte. Reformpädagogen wie Rudolf Steiner oder Maria Montessori haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihre SchülerInnen erlebnisorientierter und ganzheitlicher zu unterrichten, individueller zu begleiten und damit ihre Selbstbestimmungsrechte zu fördern.

Insbesondere freie oder staatliche Grundschulen sowie weiterführende Privatschulen bieten reformpädagogische Lernkonzepte an. Welches wirklich passt, kommt ganz auf das Kind an und sollte gut durchdacht sein. Bei aller personalisierter Forder- und Förderung: Zu bedenken bleibt, dass für diese Schulen meistens Kosten anfallen, dass Eltern sich stark engagieren sollten und dass zum Erreichen des Abiturs häufig doch noch ein Schulwechsel an eine staatliche Schule erforderlich ist.

Waldorfschule (Rudolf-Steiner-Schule): Ganzheitlich und frei lernen

Denken, Fühlen und Wollen zählen für Gründer Rudolf Steiner zu den grundlegenden Eigenschaften des Menschen. Unter dem Credo „Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen und in Freiheit entlassen“ legen die Waldorf-Pädagogen viel Wert auf die Entwicklung von künstlerischen, praktischen, kreativen und sozialen Fähigkeiten ihrer SchülerInnen. In ruhiger Umgebung sollen sie mit allen Sinnen Kind sein und ihre Talente entfalten. Der Unterricht folgt keinem Lehrplan, sondern passt sich der Entwicklung der Kinder an. Vormittags werden die Hauptfächer in mehrwöchigen „Epochen“ unterrichtet und durch Projekte in Teamarbeit verbunden. Das Mittelalter wird etwa parallel in Geschichte, durch mittelalterliche Lektüre in Deutsch und in der Praxis durch Getreideanbau ganzheitlich vermittelt. Weitere Schwerpunkte sind Sprachen, Musik, Kunst und Sport. Zur Ausbildung emotionaler, kognitiver und gestalterischer Fähigkeiten wird neben besonderen Begabungen die anthroposophische Bewegungsentwicklung (Eurythmie) stark gefördert. An der Lebenspraxis orientiert, erarbeiten sich die SchülerInnen ohne Bücher den Unterrichtsstoff selbst und erhalten bis zur Oberstufe nur schriftliche Beurteilungen. Während der künstlerisch betonte Waldorfabschluss nach 12 Jahren staatlich nicht anerkannt wird, sind Real- oder Hauptschulabschluss sowie das Zentralabitur im 13. Jahrgang möglich. Das Schulgeld von durchschnittlich 160 Euro im Monat wird dem Einkommen der Eltern angepasst.

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Maria Montessori: Lernen, es selbst zu tun

Voll im Trend: Die freie Entscheidung, wann was gelernt wird – ohne Leistungsdruck und Einschränkungen. Seit 100 Jahren setzt das Konzept der italienischen Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori auf individuelle Entwicklung der Persönlichkeit und selbstbestimmtes Lernen. In Deutschland gibt es bereits über 1000 überwiegend staatliche Montessori-Einrichtungen von der Kita bis zur Sekundarstufe. Wochen- und Monatspläne geben den SchülerInnen vor, welche Themen bis wann zu erarbeiten sind. In den ersten Stunden des Tages eignen sich gemischte Altersklassen in Freiarbeit selbständig gewähltes Wissen an. Danach wird mit Arbeitsmaterialien für alle Sinne verstärkt in Gruppenarbeit gelernt und mit extra Projekten der Entdeckerdrang der SchülerInnen gestillt. Wer selbständig arbeitet, kann seine Leistung besser einschätzen und Selbstvertrauen aufbauen. Die Aufgabe der Lehrer besteht vor allem darin, die Selbständigkeit der Kinder nach dem Grundsatz „Hilf mir, es selbst zu tun!“ zu fördern. Statt Frontalunterricht, altersgleichen Jahrgänge, strengen Regeln und Noten werden selbstorganisiertes Lernen und Eigenmotivation großgeschrieben. Nach der 9. Klasse steht der Montessori-Abschluss an, bei dem ein praktisches Werk präsentiert werden muss. Nicht an allen überwiegend ganztägigen Montessori-Schulen ist das Abitur möglich. Die Kosten von etwa 100 bis 400 Euro orientieren sich an der Finanzsituation der Eltern. 

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Freinet-Schulen: kritisch die Welt hinterfragen

Der Fokus dieser Grundschulform des französischen Gründerehepaars Freinet liegt auf der Individualität und Persönlichkeitsentwicklung jedes einzelnen Kindes. SchülerInnen dürfen überwiegend selber entscheiden, was sie wann und wie lange lernen wollen. Gemeinsam mit Lehrern treffen sie Entscheidungen im Klassenrat, sodass der Unterricht vorrangig von den Schülern gesteuert wird. Die kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt steht bei der Freinet-Pädagogik im Vordergrund. Dabei wird das Interesse der SchülerInnen durch spielerisches Lernen ohne feste Lehrpläne geweckt. Erfahrungen aus dem Alltag führen zu Fragen, die in der Klassengemeinschaft kritisch diskutiert und deren Ergebnisse für weiteren Unterricht aufbereitet und archiviert werden. Im Klassenrat entwickeln die SchülerInnen ein Verständnis für die Wichtigkeit von Regeln, ein Verständnis von Demokratie und ein Gefühl für soziales Miteinander. Während viel Wert auf ein selbstbestimmtes Leben gelegt wird, gibt es Noten nur vor dem Wechsel auf eine weiterführende Schule. Neben staatlicher Einrichtungen kann das Schulgeld für private Freinet-Schulen je nach Betreuungsangebot und Einkommen zwischen 30 und 380 Euro im Monat liegen. Ruhige Kinder werden motiviert, Fragen zu stellen und ihre Meinung zu vertreten. Empfehlenswert für neugierige Kinder, die sich für ihre Umwelt interessieren

Jenaplan-Schulen: Leben trifft Lernen

Für den Gründer der Jenaplan-Pädagogik Peter Petersen gehören Bildung und Erziehung untrennbar zusammen. Das Konzept fußt daher aus den Säulen Spiel, Gespräch, Arbeit und Feier. Schulen sollen zu Zentren des Lebens werden und das gemeinsame Lernen im Mittelpunkt stehen. Der Pflichtlehrstoff wird ähnlich dem Frontalunterricht im Kursunterricht vermittelt, während im Stammunterricht mit Schülern aus drei Klassenstufen die Kursinhalte vertieft werden. Dabei sollen die älteren und jüngeren SchülerInnen miteinander lernen und sich gegenseitig unterstützen. Um die soziale Kompetenz der Kinder zu fördern, finden regelmäßig Gesprächskreise statt, in denen Probleme diskutiert und demokratische Entscheidungen getroffen werden. Statt Noten gibt es bis zur 7. Klasse Arbeits- und Leistungsberichte. Neben Frühstück und Mittagessen gehören auch wöchentliche Feste mit Gruppenprojekten zum Konzept, die das Gemeinschaftsgefühl stärken, den Druck rausnehmen und das Lernen auflockern sollen. Jenaplan-Schulen bieten alle staatlichen Abschlüsse bis zum Abitur an. Bei Schulen privater Trägerschaft wird ein nach Einkommen gestaffeltes Schulgeld von 60 bis 300 Euro pro Monat erhoben. Wer auf die Förderung der Individualität und sozialen Entwicklung seines Kindes Wert legt, dabei die staatliche Unterrichtsform akzeptiert und bereit ist, sein Engagement einzubringen, ist hier richtig. 

Demokratische Schule: mit Herz und Köpfchen mitbestimmen

Mitbestimmung steht an den demokratischen Schulen an der Tagesordnung. Die Schüler gestalten den Unterrichtsablauf nach ihren Interessen. Dabei stehen verschiedene Kurse, Projekte und Aktivitäten, Freiarbeit sowie außerschulische Beschäftigungen zur Wahl. Selbst die Schulzeiten sind flexibel wählbar. Abhängig von ihren Interessen und persönlichen Fertigkeiten gestalten die SchülerInnen ihren Tagesablauf selber. Die Kinder sollen selbstbestimmt und ohne Druck lernen. Und vor allem nachhaltig mit Herz. Während jeder versucht, den anderen zu unterstützen, werden einmal wöchentlich in der Schulversammlung gemeinsam Entscheidungen getroffen. Das Besondere: Lehrer und Schuler haben gleiches Stimmrecht! Der Fokus liegt nicht auf Noten und Abschlüssen, sondern auf dem individuellen Interesse und der Freude am Lernen. Für viele Eltern ist es eine Herausforderung, das selbstbestimmte Konzept zu akzeptieren, daher ist es nur für solche geeignet, die ihren Kindern besonders Vertrauen entgegenbringen. Die SchülerInnen schließen die demokratische Schule mit der mittlere Reife ab. Mit einem guten Abschluss ist der Wechsel an ein Gymnasium zur Vorbereitung auf das Abitur möglich. Gebühren für demokratische Schulen in freier Trägerschaft liegen einkommensabhängig bei rund 200 Euro im Monat.

Daltonplan-Schulen: eigenveranwortlich effektiver lernen

Daltonplan-Gründerin Helen Parkhurst ist der Ansicht, dass man am besten nach den eigenen Vorstellungen lernt. Selbständigkeit hat in diesem alternativen Schulkonzept oberste Priorität. Parkhurst, die das Montessori-Konzept Anfang des 20. Jahrhunderts weiterentwickelte, setzt das Lernen über das Lehren. An ihren Schulen haben die Kinder ausreichend Zeiträume für die eigene Gestaltung ihres effektiven Lernprozesses. Die SchülerInnen lernen in selbstgewählter „Gleitzeit“ und erhalten zu Beginn des Schuljahrs ein Arbeitspaket, das sie bis zum Jahresende in wöchentlichen Schritten eigenständig erarbeiten. Dafür stehen für jedes Fach Klassenräume zur Verfügung, während die Lehrer den Schülern auf Wunsch helfend zur Seite stehen. Statt Frontalunterricht liegt der Fokus auf eigenverantwortlicher Vorgehensweise. „Freiheit in Gebundenheit“ erlaubt den ganz persönlichen Rhythmus, während die SchülerInnen anhand ihrer schriftlichen Arbeiten beurteilt werden und für bestimmte Arbeitsschritte Stempel sammeln müssen. Flexibel, offen und ständig im Wandel: In den USA, Österreich und den Niederlanden wird das Konzept immer beliebter, in Deutschland setzt es sich erst langsam durch. Auch wenn die Konzentration auf das schriftliche Arbeiten in der Kritik steht, ist dieses Konzept eine gute Alternative für Kinder, die sich an Regelschulen nicht wohlfühlen.

Club-of-Rome-Schulen: global denken, lokal handeln 

Die gemeinnützige Organisation Club of Rome setzt sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit ein. Seit 1968 beschäftigt sie sich mit dem Schutz unserer Ökosysteme und zukunftsfähiger Entwicklungen. Club-of-Rome-SchülerInnen beschäftigen sich deshalb intensiv mit nachhaltigen Themen. Dank ganzheitlicher Bildungskonzepte geht das Lernen hier über den Schulhorizont hinaus: Lernlabore, fächerübergreifender Unterricht und mehr sollen „Kopf, Herz und Hand bewegen“. Teamarbeit, Verantwortung und Respekt sind zentrale Säulen dieses Schulkonzeptes, das sich zudem viel Bewegung und musikalische Förderung auf die Fahnen schreibt. Aufgabe ist, jedes Kind mit seinen Stärken und Schwächen individuell zu fördern und sein Selbstbewusstsein zu stärken. Die SchülerInnen entdecken in diesem Netzwerk ihre Selbstwirksamkeit im kleinen wie großen Kontext und können ihre Potenziale entfalten. Credo: Wer sich mutig, kreativ und tatkräftig einbringt, kann Dinge verändern, die einen selbst und die Welt bewegen. Trotz Frontalunterricht und Noten bleibt viel Raum für Selbstbestimmung. In Deutschland gibt es bislang 17 Club-of-Rome-Schulen von Grund- über Gesamtschulen bis zum Gymnasium. Die meisten Schulen erheben kein Schulgeld, andernfalls bemisst sich der Beitrag von rund 150 Euro monatlich am Eltern-Einkommen.

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Mehlhornschule / BIP: Individuelle Begabungen fordern und fördern

Das von Gerlinde und Prof. Hans-Georg Mehlhorn 1997 gegründete Schulkonzept BIP steht für die „Förderung von Begabung, Intelligenz und Persönlichkeit“. Ziel von Mehlhorn ist, schöpferische Menschen heranzubilden, die derzeitige und teilweise noch unbekannte künftige Anforderungen unserer Lebenswelt erfolgreich bewältigen können. Denn wo Begeisterung Neugierde trifft, entsteht Kreativität. Der staatliche Lehrplan wird hierfür um künstlerisches und musikalisches Gestalten, Tanz und Bewegung, Darstellendes Spiel, sprachliches Gestalten, Schach, Informatik, Englisch und zwei weitere (eine nichteuropäische) Sprachen erweitert. Dabei stehen jeder Klasse zwei Klassenräume sowie zwei Lehrer zur Verfügung. Pflicht ist zudem ein Musikinstrument ab der ersten Klasse. Ab dem dritten Schuljahr gibt es Noten, in Mathe und Deutsch bereits ab der 1. Klasse. Die SchülerInnen erhalten regelmäßige Entwicklungsergebnisse sowie Fördermaßnahmen. Ziel ist, durch engmaschige Leistungskontrolle und Förderung bei den SchülerInnen Leistungswillen und Stolz zu wecken und sie ganzheitlich gebildet zum Abitur zu führen. Zu empfehlen ist das Konzept für wissbegierige Kinder mit viel Ausdauer. Die Grundschulen und staatlicher Gymnasien mit Mehlhorn-Konzept sind überwiegend Ganztagsschulen. Der Monatsbeitrag der Privatschulen liegt bei durchschnittlich 250 Euro.

Mehr unter bip-mehlhornschulen.de